Im Kongo klettern Kinderarbeiter auf der Suche nach Rohstoffen in lebensgefährliche Stollen - nur ein Beispiel für den Blutzoll bei der Rohstoffgewinnung.

Das Auto ist für die meisten Menschen das teuerste Produkt, das sie jemals kaufen. 1300 Kilogramm Metall und andere Rohstoffe stecken in einem Mittelklassewagen. Für viele dieser Rohstoffe bezahlen die Erzeugerländer mit der Zerstörung ihrer Umwelt, mit Kinderarbeit und Menschenleben. Die WirtschaftsWoche erzählt die Geschichten hinter der Förderung von Eisen, Kobalt, Kupfer, Graphit und Platin. Wie gehen Deutschlands Autohersteller damit um?
27
Co
Cobalt
78
Pt
Platin
6
C
Grafit
26
Fe
Eisen
29
Cu
Kupfer
Batterie beim Hybrid- und E-Auto
Zehntausende Kinderarbeiter 
arbeiten in afrikanischen Minen.
Haarsträubende Arbeitsbedingungen. 
Hungerlöhne von 10 Cent pro Tag 
für lebensbedrohliche Arbeit.
1.

KINDHEIT FÜR KOBALT

Kamatanda
Kobalt aus dem Kongo ist für die Batterien von Elektroautos fast unverzichtbar, denn das afrikanische Land kontrolliert die Hälfte des Weltmarkts. Ein Drittel des kongolesischen Kobalts hat eine besonders fragwürdige Herkunft: Es stammt aus inoffizieller Förderung, bei der Arbeiter in primitiven Minen ihr Leben riskieren – unter ihnen tausende Kinder- und Zwangsarbeiter. 
• Der Preis für Kobalt explodiert zurzeit, denn Autohersteller und ihre Zulieferer wollen sich ausreichende Mengen für ihre Elektroautoproduktion sichern.

• Der Kongo verfügt über große Kobalt-Vorkommen, doch wegen Kinder- und Zwangsarbeit kaufen die Autohersteller dort nur ungern ein.

• Autobauer wie BMW und Zulieferer wie Samsung wollen aber Klarheit über mögliche Kinderarbeit in ihrer Lieferkette bekommen und die Missstände bekämpfen.
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Die jüngsten Arbeiter sind vier Jahre alt und so klein, dass sie auch in die engsten Stollen kriechen können.
40.000
arbeitende
Kinder in kongolesischen Bergwerken
80
tote Kinder in 
den Minen 
pro Jahr
43-fache
Kobalt-Belastung 
im Blut
5-fache
Schwermetall-Belastung 
im Blut (Uran, Blei, Kadmium) 
Weniger als zehn Cent Tageslohn bekommt ein Kind in den kongolesischen Kobalt-Minen. Ein Blick in den Alltag der Kinderarbeiter zeigt die dramatischen Lebensbedingungen.
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2.

STERBEN FÜR PLATIN

Rustenburg                                  
In Südafrika wird einer der wertvollsten Rohstoffe der Welt gefördert: Platin. Die Autohersteller brauchen Platin für die Katalysatoren, die die Abgase reinigen. Doch während Platin in Deutschland die Luft sauberer macht, verpestet der Abbau des Metalls die Umwelt in Südafrika. Zudem sind die Stollen der Platin-Minen lebensgefährlich, die Arbeitsbedingungen skandalös, die Bezahlung mies. Von 3000 Arbeitern, die dagegen protestierten, wurden 37 von der Polizei getötet.
• In der Mine Marikana erschoss die Polizei vor fünf Jahren 37 Arbeiter, die für bessere Arbeitsbedingungen demonstrierten.

• In Stollen, die weniger als ein Meter hoch sind, bearbeiten die Minenarbeiter den ganzen Tag in gebückter Haltung das Felsgestein mit Presslufthämmern.

• Der Minenbetreiber Lonmin gehört zu den wichtigsten Platin-Lieferanten des Chemiekonzerns BASF, der damit Katalysatoren herstellt

• Die BASF-Katalysatoren kommen bei Daimler, VW und BMW zum Einsatz.
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In Südafrika steigt die Zahl der getötenen Arbeiter im Platinbergbau, da das Edelmetall in sehr lockerem Gestein vorkommt und der Abbau immer gefährlicher wird, je tiefer die Grabungen gehen. Zugleich sind die Arbeitsbedingungen katastrophal.
Getötete Bergarbeiter in Südafrika
Getötete Bergarbeiter Platinabbau
3.

KRANK FÜR GRAFIT

Liumao
Grafit ist ein wichtiger Rohstoff für E-Auto-Batterien. Es muss nicht aus Minen kommen, denn es kann auch für einen etwas höheren Preis künstlich hergestellt werden. Weil aber China den Weltmarkt mit billigem Grafit flutet, lohnt sich die Herstellung in Fabriken nicht.
• In den Batterien eines Elektroautos stecken durchschnittlich 50 Kilogramm Grafit.

• China dominiert den Weltmarkt mit knapp 66 Prozent Marktanteil.

• Laut Recherchen der WirtschaftsWoche landet Grafit aus skandalösen chinesischen Produktionsstätten in den E-Auto-Akkus von Samsung. Der koreanische Konzern beliefert unter anderem BMW mit Akkus. Im November will Samsung den Vorwürfen vor Ort nachgehen. 

• BMW erklärt, man sei davon ausgegangen, kein Grafit aus diesen Produktionstätten in den eigenen Produkten zu haben.
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Seit dem Dieselskandal werden die Umweltschäden durch die Benutzung von Autos noch stärker beachtet. Aber ein großer Teil der Umweltzerstörung eines Autos liegt vor dem ersten gefahrenen Kilometer – bei der Rohstoffgewinnung. 
VW 
Golf
Luft
verschmutzt
Abraum-
Gestein
Wasser 
verbraucht
Gewicht in Tonnen
So groß ist der 
ökologische
 Rucksack bei der 
Herstellung eines Golfs 
im Vergleich zu 
seinem Gewicht
4.

GEFLUTET FÜR EISEN

Samarco Mine                                   
Das für deutsche Autokarosserien benötigte Eisen stammt zu großen Teilen aus Brasilien. Der Eisenerzabbau führt dort nicht nur zu gigantischen Regenwaldabholzungen, zu Luft- und Wasserverschmutzung, sondern er führte auch zu einer der schlimmsten Katastrophen des Landes.
• 19 Menschen werden 2015 getötet, als Abwasser der Eisen-Mine Samarco eine ganze Landschaft überflutet.

• ThyssenKrupp bezieht einen großen Teil des Eisens aus Brasilien und beliefert mit seinem Stahl die deutsche Autoindustrie. Aus Samarco hat Thyssenkrupp nach eigenen Angaben kein Eisen bezogen.

• Thyssenkrupp wird vom Bergbaukonzern Vale aus Brasilien beliefert, der immer wieder mit Sklavenarbeit, Vertreibung von Ureinwohnern und Umweltzerstörung in Verbindung gebracht wird. Vale ist Miteigentümer der Samarco-Mine.
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Kunden zahlen hohe Preise für Zusatzausstattungen: 1130 Euro für Alufelgen, 1085 Euro für LED-Scheinwerfer, 565 Euro für die Metallic-Lackierung – wie viel mehr müsste der Kunde für fair gehandelte Rohstoffe bei einem Golf zahlen? *
In einem Golf stecken 800 kg Stahl. Die kosten rund 416 Euro
Wie hoch wäre der Aufpreis für fair gehandelten Stahl?
+ 206 EUR
+ 115 EUR
+ 42 EUR
In einem Golf stecken 25 kg Kupfer. Die kosten rund 137 Euro
Wie hoch wäre der Aufpreis für fair gehandeltes Kupfer?
+ 53 EUR
+ 14 EUR
+ 3 EUR
In einem Golf stecken 1,5 g Platin. Die kosten rund 38 Euro
Wie hoch wäre der Aufpreis für fair gehandeltes Platin?
+ 13 EUR
+ 9 EUR
+ 4 EUR
*Basis: VW Golf, Benziner, Kaufpreis 25.000 EUR; Fairtrade-Zuschlag geschätzt basierend auf Preisunterschied zwischen herkömmlichem Gold und Fairtrade-Gold (5%), Annahmen bei Stahl, Kupfer, Platin 10% Preis-Differenz
5.

VERSCHMUTZT FÜR KUPFER

Antapaccay                             
Ein Auto enthält Kupferkabel von mehreren Kilometern Länge und viele kleine Elektromotoren mit Kupferspulen, etwa für Fensterheber. Durchschnittlich 25 Kilogramm Kupfer werden deshalb für ein Auto benötigt. Ist es ein E-Auto, kommt eine ähnliche Menge für das Kupfer im Elektromotor hinzu. Bloß: Woher das Kupfer stammt und welchen Preis Menschen in den Minen dafür bezahlen, wissen Autobauer in aller Regel nicht. 
• In Peru gibt es immer wieder Konflikte zwischen Einheimischen und Betreibern von Kupferminen. Es geht dabei um Arbeiterrechte und Umweltzerstörung.

• Anwohner einer Kupfermine in Antapaccay leiden unter Schwermetallvergiftungen und führen das auf die Mine zurück.

• Der Kupferanbieter Aurubis bezieht Kupfer aus Antapaccay und stellt daraus Kathoden her.

• Die Kathoden werden bei Autozulieferern verarbeitet und landen bei BMW, Daimler und Co.
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Text und Recherche: Martin Seiwert, Lea Deuber, Melanie Bergermann, Simon Book, Alexander Busch; Foto- und Videoredaktion: Patrick Schuch; Videomaterial: Getty/AFP; Fotos: Picture-alliance/dpa, laif/Manfred Schade, Reuters/ Siphiwe Sibeko (2), Dave Tacon für WirtschaftsWoche (2), Eyevine/Xinhua, PR (2), ddp images/Zuma; Infografik: Gerd Weber; Art-Direktion: Hassân Al Mohtasib; Produktion und Interaktivität: Thomas Stölzel; Produziert mit Storyflow
6. November 2017
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